Vorlage an den Landrat


4. Ziele

Die unter 3.2. definierten Hauptziele werden im Detail erläutert. Da der Regierungsrat die zwei ersten Hauptziele Gesundheit und Bildung als Schwerpunkte angehen will, werden diese Bereiche nachfolgend ausführlich dargelegt.
Jeder Bereich beinhaltet Grundsatzüberlegungen und Teilziele. Eine konkrete Ideensammlung zu den einzelnen Teilzielen befindet sich im Anhang.




4.1 Gesundheit


Ziel: Der Anteil der bewegungsaktiven Bevölkerung wird kontinuierlich erhöht




4.1.1. Einleitung


Mindestens ein Drittel der Bevölkerung ist bewegungsinaktiv. Die neuesten Zahlen belegen zwar einen leichten Rückgang der Bewegungsinaktivität 4 . Trotzdem weist die Aussage: „Ein Drittel der Bevölkerung ist aktiv im Sinn von sportlich trainiert, ein Drittel ist mässig aktiv im Sinn der Mindestempfehlung und ein Drittel ist inaktiv" auf ein grosses Bewegungsdefizit hin.


Grafik: Anteile Inaktiver, Aktiver und sportlich Trainierter in den verschiedenen Altersklassen im Bewegungssurvey 1999 (Martin BW 1999)


Die Vermittlung von Bewegungs- und Sportmöglichkeiten an heute noch Inaktive und die Bestärkung der körperlich Aktiven in ihrem Verhalten hat nicht nur eine grosse Bedeutung für Gesundheit und Lebensqualität, sondern auch für die Volkswirtschaft. Die in den Neunziger Jahren beobachtete Zunahme des Anteils der Inaktiven verursachte jährlich eine Zunahme der Kosten des Gesundheitswesens von gut 40 Millionen Franken und ist für direkte Behandlungskosten von 1.6 Milliarden Franken jährlich verantwortlich. Inaktive fühlen sich körperlich wie psychisch weniger gesund, müssen mehr zum Arzt, weilen häufiger und länger im Spital und haben mehr Arbeitsausfälle. 5


Auch die Risiken von Bewegung und besonders Sport schlagen sich volkswirtschaftlich nieder. Sportunfälle treten recht häufig (zirka 330'000 pro Jahr) auf. Sie treten meist auf, wenn die Sporttreibenden schlecht vorbereitet, unvorsichtig oder übereifrig sind (Beispiele: Grümpelturniere, Schneesport). Darum müssen auch Risikobegrenzung und Unfallprävention wichtige Faktoren der Bewegungs- und Sportförderung sein. Aus allen diesen Fakten ergibt sich eine Bewegungsempfehlung, welche die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig verbessern kann. Die Bewegungspyramide dient als Orientierungshilfe und ist eine Empfehlung des Bundesamtes für Sport (BASPO), des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), der Gesundheitsförderung Schweiz und des Netzwerks Gesundheit und Bewegung Schweiz. 6




Die Bewegungspyramide als Orientierungshilfe


Grafik
Bereits eine halbe Stunde Bewegung pro Tag mit leicht beschleunigtem Atem kann die Gesundheit von Frauen und Männern jeden Alters beträchtlich verbessern.
Die weiteren Stufen versprechen zusätzlichen Nutzen.
Quelle: nach Martin BW, MartinB. Ther. Umschau 1998




Die vier Elemente der Basisempfehlung im Einzelnen:


Jeden Tag
Je regelmässiger sich jemand bewegt, desto besser: Idealerweise täglich, zumindest aber an den meisten Tagen der Woche.


Mindestens eine halbe Stunde
Es ist nicht unbedingt nötig, diese halbe Stunde Bewegung am Stück auszuführen.
Jede körperliche Aktivität, die mindestens zehn Minuten dauert, kann über den Tag zusammengezählt werden.


Mit mittlerer Intensität
Mittlere Intensität weist eine körperliche Aktivität dann auf, wenn der Atem zumindest leicht beschleunigt ist; man kann dabei ins Schwitzen kommen, muss aber nicht unbedingt. Beispiele für solche Bewegungsformen sind zügiges Gehen, Velofahren, Schneeschaufeln, Gartenarbeiten.


Bewegen
Sich gesundheitswirksam bewegen heisst nicht zwingend Sport treiben.
Alltagsaktivitäten wie die genannten haben den Vorteil, dass sie sich leicht in den Tagesablauf integrieren lassen. Ideale Bewegungsarten sind jene, die wenig Material und Übungsaufwand verlangen, ein tiefes Unfallrisiko haben und sich lebenslang betreiben lassen: Wandern, Walking, Velo fahren, Schwimmen, Wassergymnastik, Skilanglauf. Es ist möglich und sinnvoll, verschiedene körperliche Aktivitäten zu kombinieren und auch abzuwechseln.




4.1.2. Teilziele


Besonderes Augenmerk wird auf Zielgruppen gerichtet, bei denen vermutet wird oder nachgewiesen wurde, dass sie sich zu wenig oder gar nicht bewegen oder bei denen die Tendenz besteht, dass sie ihr bisheriges Bewegungsverhalten reduzieren oder ganz aufgeben. Diese Tendenz ist im Laufe des Lebens insbesondere bei Übergängen besonders gross: Zwischen Schule und Berufslehre, zwischen Ausbildungsabschluss und Berufsausübung oder nach der Geburt eines Kindes. Nicht aus den Augen gelassen werden dürfen Seniorinnen und Senioren, welche den dritten Lebensabschnitt als Pensionierte geniessen.


Die heute bestehenden Angebote (Anhang 1) sprechen in vielen Fällen bereits bewegungsaktive Bevölkerungsgruppen an. Sie zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie in der Regel relativ hochschwellig sind: Zum Beispiel muss bei allen Bewegungsangeboten, die in einer Gruppe durchgeführt werden, von neu Dazustossenden die Hemmung überwunden werden, in der Gruppe möglicherweise aufzufallen oder den vermuteten Anforderungen nicht zu genügen.


Die bestehenden Angebote sind ferner in Bezug auf die sportlichen Anforderungen, die an die Zielgruppe gestellt werden, zum Teil anspruchsvoll. So kann beispielsweise das Baselbieter Sportabzeichen nur von Personen erlangt werden, welche regelmässig Sport treiben. Diese Zielgruppe geht (richtigerweise) über die Basis-Empfehlung der gesundheitswirksamen Bewegung (1. Teilziel) hinaus und soll gemäss Teilziel 2 unterstützt und gefördert werden. Zu erwähnen ist die Empfehlung zu regelmässigem Krafttraining für Seniorinnen und Senioren, was bei einer Umsetzung wesentlich zur längeren Erhaltung der Lebensqualität und Selbständigkeit im Alter beitragen kann. Ein Beispiel wäre das selbständige Binden der Schuhe im Alter von 90 Jahren und mehr.


Öffentliche Bewegungsräume wie Finnenbahnen oder Vita-Parcours werden in der Regel von bereits aktiven Personen oder Sportlerinnen und Sportlern genutzt. Sie regen kaum eine inaktive Person zu mehr Bewegung an. Mögliche Erklärungen für diese Tatsache sind die oftmals abgelegenen Orte dieser Angebote, die Hemmung, alleine etwas zu unternehmen und insbesondere für Frauen und ältere Menschen die Angst vor Belästigung oder Gewalt.




4.1.3. Bedürfnisse für die einzelnen Zielgruppen


Aufgrund der Analyse der bestehenden Angebote wird ein Bedarf für neue niederschwellige Bewegungsangebote für folgende Zielgruppen ausgemacht:




Kleinkinder und ihre Mütter/Väter:


Wichtig ist für diese Alterskategorie, dass sie von den Bedürfnissen und entwicklungsspezifischen Fähigkeiten und Bedürfnissen der Kinder ausgehend geplant und durchgeführt werden. Im Frühbereich besteht einzig das Angebot für MUKI-VAKI-Turnen (Mutter-Kind/ Vater-Kind-Turnen) und Schwimmen. Es findet flächendeckend im gesamten Kantonsgebiet statt. Einerseits ist dieses Angebot qualitativ sowie quantitativ gut, andererseits werden wiederum vor allem bereits bewegungsaktive Familien damit angesprochen. Es wird kaum von Migrantinnen und ihren Kindern oder erwerbstätigen Müttern oder Vätern mit ihren Kindern besucht. Gründe hierfür sind möglicherweise: Tageszeit (die meisten Angebote finden am Vormittag statt, d.h. nur für Mütter und Väter ohne Erwerbsarbeit oder mit Teilzeitpensen besuchbar). Der Zugang für Migrantinnen ohne Bewegungstradition ist für diese Angebote sehr hoch: Hemmung Turnkleider anzuziehen, Hemmung zusammen mit Männern zu turnen.


Wie in der Broschüre „Aktive Kindheit- gesund durchs Leben" 7 ausführlich beschrieben ist, tragen enge Wohnverhältnisse, fehlende Spielgefährten oder Geschwister sowie zeitlich überlastete Erziehungsberechtigte zum Bewegungsmangel von Kindern bei. Schon mit einer Umgestaltung des Wohnumfeldes können die Kinder ihren natürlichen Bewegungsdrang besser ausleben.




Junge Erwachsene:


Nach der obligatorischen Schulzeit geben viele junge Erwachsene ihr regelmässiges Bewegungsverhalten auf. Insbesondere Männer konzentrieren sich auf die Berufsausbildung, sportliche Aktivitäten, insbesondere in Vereinen, werden reduziert oder ganz aufgegeben. Dies trifft insbesondere für diejenigen Männer zu, die ihre Identifikation im Beruf suchen (höhere Ausbildungen). Die Aussage trifft nicht für Männer zu, die sich über ihre sportlichen Leistungen identifizieren.


Bei jungen Frauen wird festgestellt, dass diese ihr Bewegungsverhalten oft reduzieren. Vermutungen dazu sind: Mangelnde Bewegungstradition für Frauen, Angst vor Blossstellung ihres (vermeintlich) übergewichtigen Körpers, Angst vor möglicher Belästigung durch Männer (öffentliche Anlagen, Vereine).




Erwachsene und Familien:


Im Arbeitsalltag von Müttern mit kleinen Kindern kommt die Bewegung, insbesondere auch die Bewegung als Entspannung vom anstrengenden Familienalltag, in der Regel zu kurz. Mütter (in zunehmendem Mass auch betreuende Väter) haben viele Hürden zu überwinden, um sich gesundheitswirksam zu bewegen: Mehrfachbelastung, Zeitmangel, Organisation der Kinderbetreuung, Zurückstellen ihrer eigenen Bewegungsbedürfnisse zu Gunsten der Familienarbeit, bestehende Angebote werden nicht vor Ort oder zur richtigen Zeit angeboten.


Viele Erwachsene fühlen sich lange Zeit nicht als Seniorinnen oder Senioren, werden aber auch von den Angeboten für "Junge" nicht angesprochen oder sie haben Angst vor Überforderung in üblichen Bewegungsangeboten. Gerade in dieser Altersgruppe nimmt die Bewegungshäufigkeit signifikant ab.


Auf Grund der gesellschaftlichen Entwicklung ist auch im Baselbiet der Trend zum Individualsport zunehmend. Viele wollen dann sportlich aktiv sein, wenn es der Beruf und das Umfeld zulassen. Fixe Trainingszeiten in Vereinen sind für immer mehr Personen ein Hindernis. Zudem schätzen viele die Unabhängigkeit und Freiheit, welche in einem Verein nicht gegeben ist, da eine Vereinszugehörigkeit mit Verpflichtungen verbunden sein kann. Allerdings fällt dabei der wichtige Wert der Sozialisierung weg.




Seniorinnen und Senioren:


Im Bereich des Seniorinnen- und Seniorensports, der in der Schweiz erst spät gezielt angegangen worden ist, gibt es heute im Kanton durch Pro Senectute und das Sportamt ein Bewegungsangebot, welches kontinuierlich ausgebaut wird.




Behindertensport aller Altersgruppen:


Der Behindertensport ist in der Region Basel gut organisiert. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Sportgruppe der Geistig Behinderten von insieme Baselland und dem Sportamt. Sämtliche Sportlager und Sportveranstaltungen werden finanziell unterstützt. Mit allen Behindertensportorganisationen bedarf es künftig einer engeren Zusammenarbeit.




4.2 Bildung


Ziel: Die Bildungsmöglichkeiten im und durch Sport werden gezielter genutzt




4.2.1. Einleitung


Der grundsätzliche Stellenwert von Bildung durch Bewegung und Sport ist unbestritten.


Bei Kindern werden zunehmend hohe Defizite im Bereich des Bewegungsverhaltens festgestellt. Die Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht hat sich in der Schweiz in den letzten zehn Jahren verdoppelt. 13 bis 18 Prozent der 5- bis 16-Jährigen sind übergewichtig 8 . Gründe dafür sind ein verändertes Bewegungs- und Ernährungsverhalten, aber auch soziale Faktoren.


Der hauptsächliche Fokus liegt in den Bereichen Bewegungsförderung, Qualitätssicherung, Prävention, Animation und Integration. Erst eine Qualitätsprüfung des Schulsports wird aufzeigen, in welchen Bereichen anzusetzen ist. Aus diesem Grund sind Instrumente zur Qualitätsüberprüfung bereitzustellen.


Bei der Prävention liegt der Hauptakzent klar im Bereich der gezielten Vorbeugung hoher gesellschaftlicher Folgekosten infolge des zunehmenden Bewegungsmangels. Über den physischen und physiologischen Bereich hinaus sind positive Effekte der Prävention: Lernfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, positives Körperbild, Selbstwertgefühl.


Die Animation über attraktive Sportangebote in den Schulen hilft mit, die Basis zur aktiven Prävention zu legen. Daneben kann der Schulsport mithelfen, schon früh zur guten Integration von Migrantinnen und Migranten beizutragen und über ein Netzwerk mit den Vereinen diese Effekte nachhaltig zu verstärken.


Im Umfeld der angespannten Finanzlage bei Bund, Kantonen und Gemeinden gilt es hier klar Gegensteuer zu geben, da geplante Sparmassnahmen in diesem Bereich langfristig verheerende Folgekosten im Gesundheitswesen verursachen würden.


Seit drei Jahren ist die Fachstelle für Sport in der Schule im Sportamt integriert. Die Hauptaufgabe liegt in der Fortbildung der Lehrpersonen, welche Sportunterricht erteilen, sowie deren Unterstützung für einen guten und erfolgreichen Schulsport. Die Verantwortung für die Qualitätssicherung im Schulsport obliegt dem Sportamt.




4.2.2. Teilziele




Bewegungsförderung


Um dem Bewegungsmangel der Kinder entgegenzuwirken, gibt es viele Ansatzmöglichkeiten. So können bereits die Eltern eines Kleinkindes dazu beitragen, dass ihr Kind den Bewegungsdrang zu Hause, auf dem Spielplatz oder in der freien Natur ausleben kann. Die Fortsetzung hat in der Spielgruppe, im Kindergarten und später in der Primarstufe zu erfolgen. Der Förderung von Sport, Bewegung und gesunder Ernährung auf allen Schulstufen kommt eine sehr hohe Bedeutung zu.




Qualitätssteigerung im Schulsport


Qualitativ guter Sportunterricht ist Voraussetzung für die Beibehaltung der drei obligatorischen Sportlektionen. Die vom Schweizerischen Verband für Sport in der Schule (SVSS) erarbeiteten Instrumente zur Qualitätsüberprüfung müssen in den Baselbieter Schulen so rasch wie möglich eingesetzt werden, damit eine Standortbestimmung vorgenommen werden kann und die daraus notwendigen Massnahmen zur Qualitätssteigerung eingeleitet werden können.




Sucht- und Gewaltprävention durch Sport


„Prävention und Gesundheitsförderung sind wichtige Gemeinschaftsaufgaben. Sie wollen Bedingungen schaffen und fördern, die eine Zufriedenheit stiftende Lebensgestaltung begünstigen und damit einer Entwicklung zu Suchtverhalten, Gewaltbereitschaft, Intoleranz, Rassismus, Resignation, Depression, gestörtem Essverhalten etc. entgegen wirken. Nebst der Familie und der Schule spielen dabei die Freizeitstrukturen - somit auch der Sport - eine wichtige Rolle. Insbesondere der Vereinssport bietet Entwicklungs- und Schutzraum für Kinder und Jugendliche." 9




Verstärkte Integration von Migrantinnen und Migranten im Vereinssport


Der Sport kennt wenig Grenzen, seien sie sprachlich oder kulturell. Bewegung und Sport bieten eine Vielfalt von Möglichkeiten für soziales Lernen und aufgrund seiner seit langem gelebten Traditionen von Toleranz, Regelakzeptanz und geordneter Konkurrenz eine gute Möglichkeit interkultureller Begegnung. Das Potenzial des Sports als Plattform interkultureller Begegnung soll genutzt und gefördert werden. Die Integration von jugendlichen Ausländerinnen und Ausländern in Sportvereinen muss gezielt unterstützt und verstärkt wahrgenommen werden.



Fortsetzung >>>
Back to Top

Fussnoten:


4 Schweizerische Gesundheitsbefragung 2002


5 Vgl. Volkswirtschaftlicher Nutzen der Gesundheitseffekte der körperlichen Aktivität; gemeinsame wissenschaftliche Stellungsnahme; Bundesamt für Sport BASPO, Bundesamt für Gesundheit BAG, Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu, Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA, Institut für Sozial- und Präventivmedizin Zürich, Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz


6 Bundesamt für Sport (BASPO), Bundesamt für Gesundheit (BAG), Gesundheitsförderung Schweiz, Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz. Gesundheitswirksame Bewegung. Ein Grundsatzdokument. Magglingen: BASPO, 2002


7 Zahner L. et alt.: "Aktive Kindheit - gesund durchs Leben", 2004


8 Zahner L. et alt.: "Aktive Kindheit - gesund durchs Leben", 2004


9 aus: MehrWerte im Sport, A. Lehmann, M. Schaub Reisle, BASPO