Vorlage an den Landrat


6 Die medizinische Fakultät aus der Sicht des Kantons Basel-Landschaft

6.1 Ausgangslage


Die medizinische Fakultät Basel, als älteste medizinische Fakultät der Schweiz, ist tief in der Region verankert und damit nicht nur ein wichtiger kultureller und bildungspolitischer, sie ist auch ein wichtiger wirtschaftspolitischer Faktor für die Industrie (z.B. Pharmaindustrie) und die Entwicklung der regionalen Gesundheitsversorgung. Der Standort Basel bietet einzigartige Voraussetzungen für die Entwicklung eines biomedizinisch ausgerichteten Lehr- und Forschungsprogramms in Zusammenarbeit mit den Kliniken einerseits und der forschenden Industrie andererseits


Die zentralen Probleme und Fragestellungen aus der Sicht der medizinischen Fakultät im Bereich Dienstleistungen können wie folgt umschrieben werden:


Das Ziel der medizinischen Fakultät Basel, als Vollfakultät das gesamte Fächerspektrum des Studiengangs Humanmedizin anzubieten, führt in diesem Umfeld zu erheblichen Problemen.



6.2 Charakteristika der medizinischen Fakultät und der Universitätskliniken

Eine medizinische Universitätsklinik ist neben ihrem Auftrag in der Versorgung durch ihren Leistungsauftrag in der universitären Lehre und Forschung definiert. Vor allem in diesem Bereich unterscheidet sie sich von den Spitälern mit allgemeinem Versorgungsauftrag. Sie nimmt darüber hinaus, gleich wie die anderen Chefarztspitäler, wichtige Aufgaben in der ärztlichen Weiter- und Fortbildung wahr. Sie fördert den akademischen Nachwuchs durch die Bereitstellung ausreichender Qualifikationsstellen.


Verbunden mit diesem universitären Auftrag ist die ambulante und stationäre Krankenversorgung. Zentrales Problem in diesem Zusammenhang ist die quantitative und qualitative Abstimmung des universitären Auftrages mit dem klinischen Dienstleistungsangebot. Dabei entsteht ein nur schwer auflösbarer Konflikt zwischen wirtschaftlicher Leistungserbringung und der Schaffung optimaler Ausbildungsbedingungen.


Es kann festgehalten werden, dass nach erfolgreichen Erfahrungen in der Region, sowie im deutschsprachigen und angelsächsischen Raum eine Trennung der Lehre von der hochspezialisierten Krankenversorgung grundsätzlich möglich ist, ohne die Qualität sowohl der Lehre bzw. Ausbildung als auch der Krankenversorgung negativ zu tangieren. Damit gewinnen wirtschaftliche und versorgungspolitische Argumente der Dienstleistung an Bedeutung. Diese werden in Zukunft durch den im Wettbewerb stehenden Preis und die Qualität der definierten Leistungseinheiten entschieden.


Diese mögliche Trennung und das Erfordernis der Kostentransparenz rechtfertigt, die Kosten für Lehre und Forschung separat zu erfassen und zu finanzieren. Die universitäre Lehre und Forschung ist in den Kompetenzbereich der medizinischen Fakultät zu überführen und die Sicherstellung der Lehre durch das System der Lehrspitäler anzustreben. Die Arbeiten im Projekt regionale Spitalplanung BS/BL zur Erteilung von Leistungsaufträgen für Lehre und Forschung an die Universitätskliniken sind mit hoher Priorität weiterzuführen.


In Anbetracht der Finanzierungsprobleme ist es sogar notwendig bzw. unumgänglich, klinische Forschungsschwerpunkte und die damit verbundene hochspezialisierte Versorgung landesweit oder sogar die Landesgrenzen überschreitend zu koordinieren.


Die Frage, wie der Umfang des Leistungsauftrages der medizinischen Fakultät bzw. der Universitätskliniken zu gestalten ist, kann nur im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Universitätslandschaft Schweiz und der möglichen Kooperation mit benachbarten, deutschsprachigen Universitäten beantwortet werden.


Es soll darauf hingewirkt werden, dass sich die Schwerpunkte, die der Universität Basel zugewiesen werden, in den Rahmen des Forschungsschwerpunktes Life Sciences einordnen. Die Bildung von Kompetenzzentren der universitären Medizin in der Schweiz soll also mit den Bereichen von Wissenschaft und Forschung, in welchem der Standort Nordwestschweiz mit seiner chemisch-pharmazeutischen Industrie seine Stärke hat, verbunden werden.


Auch wenn das ein schwieriger und langwieriger Prozess ist, handelt es sich um eine prioritäre, d.h. ohne Verzug anzugehende Aufgabe. Daraus kann eine echte Chance für die relativ kleine medizinische Fakultät in Basel erwachsen. Nur so kann sie internationale Profilierung und Spitzenpositionen erhalten bzw. ausbauen.



6.3 Szenarien für die inhaltliche und räumliche Organisation

Die Beurteilung der nachfolgend umschriebenen Szenarien erfolgt primär aus der Sicht des notwendigen Dienstleistungsangebotes einer medizinischen Fakultät bzw. der Universitätskliniken im Zusammenhang mit ihrem universitären Auftrag. Es wird besonders diskutiert, ob die Leistungen aller Versorgungsstufen angeboten werden müssen, und in welchem Umfang dieses notwendig ist.


Es wurden folgende Szenarien geprüft:


6.3.1 Medizinische Vollfakultät


Dieses Szenario ist definiert durch ein umfassendes Angebot und eine im Vergleich zu heute zusätzliche Konzentration von Leistungen auf allen Versorgungsstufen einschliesslich Notfallversorgung am Standort der medizinischen Fakultät bzw. dem Kantonsspital Basel.


Wesentlicher Vorteil dieser Konzentration wäre eine bessere Annäherung an die Mindestgrösse in den verschiedenen Fachbereichen, trotz kleinem Einzugsgebiet. Dabei wird Mindestgrösse im Sinne der wirtschaftlichen Leistungserbringung und der Belastung der Patienten durch den universitären Betrieb im Bereich hochspezialisierter Angebote definiert. Die medizinische Fakultät Basel hätte als relativ kleine Fakultät eine bessere Ausgangsposition für die Integration in eine zukünftige Universitätslandschaft Schweiz.


Nachteile des Szenarios sind vor allen Dingen die Erhöhung der Kosten für Grundversorgungsleistungen infolge der Inanspruchnahme aufwendigerer Dienstleistungsangebote und des ganzen "Apparates" eines Universitätsspital auf der einen Seite und eine Erhöhung der Kosten der Grundversorgungsleistungen in der Peripherie infolge geringerer Fallzahlen.


Es ist zu erwarten, dass infolge der Kleinräumigkeit der Region die Peripheriespitäler bis zur Bedeutungslosigkeit ausgehöhlt würden. Damit wird die Gesundheitsversorgung in der Region in der Peripherie geschwächt. Patienten und ihre Angehörigen müssen weitere Wege in Kauf nehmen. Im Zentrum entstehen Monopolisierungen, ohne die Vorteile eines produktiven Wettbewerbes.


Diese Lösung ist für den Kanton Basel-Landschaft unakzeptabel, weil sie den Versorgungsauftrag gefährdet und wesentlich zu teuer ist.


Derzeit wird eine schweizweite Schwerpunktbildung in der hochspezialisierten Medizin und der medizinischen Fakultäten diskutiert. Auch vor diesem Hintergrund erscheint dieses Szenario nicht als opportun.


Weil zudem das zu kleine Einzugsgebiet den Betrieb einer medizinischen Vollfakultät u. A. nach betriebswirtschaftlichen Kriterien und gesundheitsökonomischen Kriterien als wenig sinnvoll erscheinen lässt, soll diese Diskussion nicht weiter verfolgt werden.



6.3.2 Konzentration auf das spezialisierte Leistungsangebot


Dieses Szenario wird durch eine Auslagerung der Grundversorgung und eine Konzentration der hochspezialisierten Versorgung definiert.


Der Vorteil der Konzentration der spezialisierten und hochspezialisierten Dienstleistungen an einem Standort ist vor allem eine bessere Auslastung teurer medizin-technischer Einrichtungen bzw. des spezialisierten Personals und der weiteren spezialisierten Infrastruktur.


Die Grundversorgung kann kostengünstiger in weniger hochgerüsteten Spitälern wohnungsnah erbracht werden. Im weiteren wäre der Vorteil eines so definierten Leistungsauftrages die optimale Allokation der gesamten Infrastruktur.


Infolge der Auslagerung der Grundversorgung kommt es in einigen Fachbereichen zur Unterschreitung der wirtschaftlichen und für den akademischen Lehrbetrieb notwendigen Mindestgrösse. Die Belastung der Patienten durch den universitären Betrieb nimmt zu. Das Auseinanderreissen der Versorgungsstufen innerhalb der Fachbereiche ist problematisch. Die Monopolisierung und Konzentration ist mit Nachteilen verbunden und führt zum Fehlen eines produktiven Wettbewerbes. Die Entstehung selektiv tätiger Privatspitäler mit eingeschränkter Notfallversorgung wirkt sich negativ auf die Kosten und das Dienstleistungsangebot der öffentlichen Spitäler aus.


Diese Lösung steht für den Kanton Basel-Landschaft nicht im Vordergrund, weil sie den Versorgungsauftrag einschränkt und ausserdem zu teuer ist. Die Kantonsspitäler Bruderholz und Liestal müssten zudem für die Versorgungssicherheit wesentliche wirtschaftlich und wirksam geführte Dienstleistungen abbauen, ohne dass die Wirtschaftlichkeit verbessert und der Patientennutzen erhöht würde.



6.3.3 Medizinische Fakultät mit beschränktem Grundversorgungsauftrag


Dieses Szenario ist definiert durch ein umfassendes, zum Teil in Menge und Umfang begrenztes Angebot aller Leistungen auf allen Versorgungsstufen einschliesslich Notfallversorgung an verschiedenen aufeinander abgestimmten Standorten. Es ist im weiteren gekennzeichnet durch die Notwendigkeit einer ständig zu optimierenden, planerisch schwierigen Allokation aller Leistungen auf allen Versorgungsstufen im Zentrum und der Peripherie.


Wesentliche Vorteile dieser Lösung sind die Stärkung der wettbewerblichen Elemente durch die Vermeidung von Monopolen und die Beibehaltung der günstigen Produktionskostenstruktur im Kanton Basel-Landschaft. Im weiteren wirkt sich die Fokussierung der Universitätskliniken auf ihre originären Aufgaben, insbesondere auf die spezialisierte und hochspezialisierte Versorgung durch eine vertretbare Reduktion der Grundversorgung positiv aus.


Das Erreichen der Mindestgrössen in den Fachbereichen kann zu einem grösseren Teil (insbesondere in den Grunddisziplinen, im Gegensatz zu gewissen Subspezialitäten) sichergestellt werden.


Auch die Vorteile der guten Auslastung der gesamten Infrastruktur können bei entsprechender Koordination erreicht werden.


Zentrale Voraussetzung für eine optimale wirtschaftliche und betriebliche Gestaltung dieses Szenarios ist eine enge Kooperation in der Region im Bereich der spezialisierten Versorgung. Gesamtschweizerisch ist eine bessere Koordination in der hochspezialisierten Versorgung für die erfolgreiche Weiterführung dieses Szenarios unabdingbar.


In Zukunft wird angestrebt, die organisatorische und finanzielle Verantwortung vor allem im Dienstleistungsbereich möglichst ungeteilt in einer Hand zu halten. Der Kanton Basel Landschaft kann in diesem Zusammenhang mit klaren Vorgaben über seine Mitfinanzierung im universitären Bereich steuern, ohne in die Führungsverantwortung für die Dienstleistung im Universitätsspital eingebunden zu sein. Eine Mitträgerschaft und eine nur erschwert wahrzunehmende Führungsverantwortung, wie im Falle des UKBB, ist zu vermeiden.


Die Lösung ist für den Kanton Basel Landschaft trotz ihrer schwierigen Umsetzung die beste der Möglichkeiten, weil sie die Kosten optimiert, den Versorgungsauftrag sicherstellt und den Bestand der medizinischen Fakultät nicht in Frage stellt.



6.4 Ziele und Massnahmen

Der Kanton Basel Landschaft setzt sich für die folgenden Ziele und Massnahmen ein:



IV. Antrag

Gestützt auf diese Ausführungen wird dem Landrat beantragt, den Strategiebericht Spitalversorgung Basel-Landschaft (Hausaufgaben BL) zustimmend zur Kenntnis zu nehmen.


Liestal, 4. November 2003
Im Namen des Regierungsrates:
Der Präsident: Straumann
Der Landschreiber: Mundschin



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