Vorlage 1999-097: Integration der Trinationalen Ingenieurausbildung in den Leistungsauftrag der Fachhochschule beider Basel (FHBB)
Landrat / Parlament || Inhalt der Vorlage 1999-097 vom 27. April 1999
Integration der Trinationalen Ingenieurausbildung in den Leistungsauftrag der Fachhochschule beider Basel (FHBB)
(partnerschaftliches Geschäft)
Geschäfte des Landrats || Hinweise und Erklärungen
3. Der bisherige Verlauf
3.1 Die Trinationale Ingenieurausbildung als Pilotprojekt im Rahmen von INTERREG II
Die Anfänge des Projekts reichen bereits in das Jahr 1990 zurück, in dem, noch ganz unter dem Zeichen steigenden Bedarfs nach qualifizierten Ingenieur/innen, der Bau einer neuen Ingenieurschule in Lörrach unter Beteiligung aller drei Nationen diskutiert wurde. 1992 wurde im Rahmen des EU-Förderprogramms INTERREG I "Oberrhein Mitte-Süd" eine Studie in Auftrag gegeben, welche Machbarkeit und auf schweizerischen Wunsch auch den Bedarfsnachweis für eine solche Ingenieurschule untersuchen sollte. Ein abschliessender Bericht lag 1995 vor. Der Bedarf an Ingenieur/innen mit dem Profil der Trinationalen Ingenieurausbildung wurde klar nachgewiesen und zwei Varianten mit Kapazitäten von 400 resp. 1'000 Studienplätzen berechnet. Bei der positiven Einschätzung des Bedarfs spielten Gründe der direkten Nachfrage, aber u. a. auch die Stärkung des regionalen Wirtschaftsstandortes und der innovative Charakter des Studiengangs die ausschlaggebende Rolle.
Während die Daten der Studie erhoben wurden, kamen Vertreter der Projektpartner in einer trinationalen Arbeitsgruppe regelmässig zusammen. Im Jahr 1995 war man von der Idee einer neuen Schule abgekommen und hatte sich auf das Projekt einer gemeinsamen Ausbildung, die an bestehenden Instituten durchzuführen sei, geeinigt. Dieser Entscheid wurde gefällt, weil das Projekt angesichts der inzwischen hartnäckigen Rezession als zu gross dimensioniert erschien: Die Projektgruppe bewilligte am 24. Januar 1995 einen Vorschlag der schweizerischen Seite, den baldigen Beginn eines Studiengangs mit 60 Studierenden vorsah. Die weiteren Entwicklungen und Beratungen führten dann im September 1997 zum Start des ersten Studienjahrgangs.
3.2 Studierende
Erster Jahrgang
Der erste Studiengang begann am 19.9.1997 mit 30 Studierenden. Die Rekrutierung von BMS-Absolvent/innen und Gymnasiast/innen in der Schweiz war in der zur Verfügung stehenden Zeit (Zustimmung der kantonalen Parlamente im Juni 1997 und Studienbeginn am 19.9.1997) sehr schwierig. Trotzdem begannen im September 1997 acht Schweizer den Studiengang.
Der Start war für alle Beteiligten, wie erwartet, nicht ganz problemlos. Neben administrativen Anfangsschwierigkeiten kamen einige spezifische Aspekte der Trinationalen Ingenieurausbildung zum Tragen, die z.T. mit der kurzfristigen Umsetzung und dem Pilotcharakter des Studiengangs zusammenhängen, und z.T. konzeptioneller Natur sind. Die heterogene Zusammensetzung der Studierenden (Bildung, Altersunterschiede, Erfahrungen), Französisch als Unterrichtssprache im 1. Semester sowie der gedrängte Stundenplan haben gezeigt, dass Anpassungen und Optimierungen nötig sind. Das Ziel ist dabei die Reduktion von Studienabbrüchen und eine Optimierung der Rahmenbedingungen, wobei am hohen Qualitätsanspruch festgehalten wird.
Weil die Evaluation der am Studiengang Interessierten beim ersten Jahrgang aus Zeitgründen nur rudimentär durchgeführt werden konnte, wurden auch Kandidaten zugelassen, die den heute geltenden Anforderungen nicht ganz entsprachen. Dies führte dazu, dass zwei Studierende die Promotion des ersten Semesters nicht geschafft haben, ein Student kurz nach Studienbeginn aufhörte und ein Student disziplinarisch (grosse Lücken im Unterrichtsbesuch und beim Praktikum) ausgeschlossen wurde. Unter diesen vier befanden sich zwei Schweizer, so dass von den acht, die sich zum ersten Jahrgang anmeldeten, vier aus der Schweiz verblieben sind.
Tabelle 1: Anzahl Studierende per 2.10.98
| Entwicklung der Anzahl Studierenden | Beginn 97 |
| Studierende Total bei Beginn | 30 |
| davon F | 12 |
| davon D | 10 |
| Davon CH | 8 |
| Ausstieg während 1. Sem. Stud.-CH | 2 |
| Promotion nicht geschafft Stud.-CH | 2 |
| Verbleibend CH | 6 |
| Verbleibend F | 11 |
| Verbleibend D | 9 |
Die anfänglichen Sprachschwierigkeiten haben sich nach einem Jahr Studium stark verbessert. Heute steht bei den Studierenden die Sprachproblematik nicht mehr im Vordergrund.
Zweiter Jahrgang
Für den Studienbeginn im Jahr 1998 meldeten sich auf Schweizerseite 13 Interessierte definitiv an, 10 konnten aufgenommen werden. Wie in andern Studienrichtungen gab es Abmeldungen. Eine Abmeldung erfolgte wenige Tage vor Studienbeginn, so dass kein Nachrücken von der Warteliste mehr möglich war.
Tabelle 2: Anzahl Studierende per 2.10.98
| Entwicklung der Anzahl Studierenden | Beginn 98 |
| Studierende Total bei Beginn | 28 |
| davon F | 9 |
| davon D | 10 |
| davon CH | 9 |
| Ausstieg während 1. Sem. Stud.-CH | -- |
| Promotion nicht geschafft Stud.-CH | -- |
| verbleibend CH | 9 |
| verbleibend F | 9 |
| verbleibend D | 10 |
Dritter Jahrgang
Heute sind bereits mehr als die Hälfte der Studienplätze für den Studienbeginn im Herbst 1999 vergeben. Die Einführung eines Numerus Fixus, verbunden mit einer Warteliste, wird in Zukunft notwendig sein, denn jedes Land hat nur 10 Studienplätze pro Jahrgang zu vergeben.
3.3 Studienabfolge in den einzelnen Ländern
Die ursprüngliche Planung des Studiums hat sich bewährt. Die heutige Struktur der Trinationalen Ingenieurausbildung ist praktisch dieselbe wie im Jahr 1997. Einige Änderungen sind im Bereich der Industriephasen und bei der Gesamtzahl der Unterrichtsstunden vorgenommen worden.
2. Der Vorkurs dauert 2 Wochen und dient der Ausbildungsvorbereitung. Er besteht aus einer Woche intensivem Sprachunterricht in Mulhouse und einer Kommunikationswoche auswärts in einfacher Unterkunft.
3. Die erste Industriephase dauert 10 Wochen und findet in der Mitte des ersten Semesters statt.
4. Das Total der Unterrichtsstunden wurde von 3512 (Projektbeginn) auf 3400 Stunden gesenkt.
Die Neuerungen dienen der Annäherung der unterschiedlichen Vorkenntnisse und der Harmonisierung des Studienablaufs. Die Massnahmen waren nötig,
· weil in den drei Staaten unterschiedliche Ferienregelungen gelten,
· weil Überlappungen von Semestern in den jeweiligen Instituten im Vollausbau die Kapazitätsgrenzen überschreiten würden,
· weil den deutschen Studierenden eine zusätzliche Industrietätigkeit in ihren Ausbildungsunternehmen möglich ist.
Erfahrungen des Gastrechts in der Schweiz
Die Erfahrungen sind positiv. Von den Studierenden und den Dozierenden wird die Infrastruktur an der FHBB sehr geschätzt. Zur positiven Stimmung beigetragen haben auch die Kooperationsbereitschaft der Behörden und die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft, welche die nötigen Praktikumsplätze zur Verfügung stellte.
3.4 Praktikumsplätze
Neben der Kombination von technischen mit nicht-technischen Fächern sind Praxisaufenthalte in den Unternehmungen ein wesentliches didaktisches Element der Trinationalen Ingenieurausbildung. Aus Schweizer Sicht ist besonders interessant, dass die Praktika im Ausbildungsgang integriert sind und nicht als Vorleistung erbracht werden müssen. Diese Regelung wurde in Angleichung an Deutschland und Frankreich beschlossen.
Während des ganzen Studienganges sind drei Praktika zu absolvieren. Das
erste Praktikum
findet im ersten Jahr statt und dauert 10 Wochen. Dieses Praktikum soll für alle Studierenden im fremdsprachigen Ausland stattfinden, d. h dass die Franzosen in der Schweiz resp. in Deutschland und die Deutschen und Schweizer in Frankreich ihr Praktikum absolvieren. Im ersten Praktikum sollen andere Firmenkulturen kennengelernt und die Kommunikation in fremdländischen Betrieben geübt werden. Daher sind beim ersten Praktikum keine spezifischen Ausbildungsprogramme vorgeschrieben.
Das
zweite Praktikum
findet nach dem zweiten Studienjahr statt und umfasst eine Aufgabenstellung im Sinne einer Semesterarbeit, die vom Betrieb und von einem Dozenten betreut wird. Dieses Praktikum kann wahlweise in einem der drei Länder stattfinden. Von jedem Land werden verschiedene Themen in entsprechenden Betrieben zur freien Auswahl ausgearbeitet. Dieses Praktikum wird am Schluss benotet. Erfahrungen zur Durchführung und zur Themenwahl und der Industriebeteiligung konnten bis heute noch keine gemacht werden. Trotzdem: Das zweite Praktikum ist ein Beitrag zur Zusammenarbeit zwischen Industrie und Fachhochschule, im Sinne eines Erfahrungs- und Wissenstransfers zwischen Theorie und Praxis.
Das
dritte Praktikum
findet kurz vor dem Diplom statt und ist integrierender Bestandteil der Diplomarbeit. Während die Industrie den angehenden Ingenieur/innen anspruchsvolle Aufgaben übertragen kann, haben die Studierenden nochmals eine Gelegenheit, ihr theoretisches Wissen und die erlernten Methoden in der Praxis anzuwenden. Es wird erwartet, dass solche Praktikumsstellen zu Anstellungen führen. Hier bestehen durchaus Chancen, dass einzelne Studierende ihre erste Stelle im benachbarten Ausland antreten können.
Die
Erfahrungen
mit den Praktika waren bei den Studierenden und bei den Betrieben durchwegs positiv, auch wenn in der Region bei der Industrie noch intensive Aufklärungsarbeit für die Bereitstellung der Praktikumsplätze zu leisten ist. Sowohl für die Studierenden als auch aus Sicht der Unternehmen hat die Erfahrung gezeigt, dass der Zeitpunkt der Industriephasen dem Ausbildungsstand der Studierenden angepasst werden muss und kann. Weil die Schweizer/innen ihre Praxiserfahrung während des Studiums machen und nicht als Vorleistung erbringen müssen, bietet die Trinationale Ingenieurausbildung den Verantwortlichen interessante Erfahrungen, die in die hierzulande geführte Diskussion über die Praxiserfahrung angehender Fachhochschulstudent/innen eingebracht werden können.
3.5 Die Weiterentwicklung des Studiengangs
Durch das Aufeinandertreffen von verschiedenen Vorbildungen und unterschiedlichen Kulturen werden konventionelle Unterrichtsmethoden in Frage gestellt und neue Wege gesucht. Die vorhandene Führungsstruktur des Studienganges ermöglicht rasches Feedback und Handeln; die Ausbildung wird auf diese Weise laufend optimiert. Alle Beteiligten setzen sich mit hohem Einsatz und grosser Flexibilität dafür ein, die drei verschiedenen Länderkulturen zu meistern und zu integrieren. Wandelbarkeit ist auch ein wichtiger Lerninhalt der zukünftigen Ingenieurinnen und Ingenieure.