Jahresbericht 1997 Sicherheitsinspektorates Kanton BL

Landrat / Parlament || Inhalt der Vorlage 1998-040-10 vom 21. April 1998


Jahresbericht 1997 des Sicherheitsinspektorates Kanton Basel-Landschaft


Geschäfte des Landrats || Hinweise und Erklärungen





7. Störfälle und Ereignisse

Die Auswertung der Störfälle und Ereignisse ergibt folgendes Bild:



Im vergangenen Jahr waren insgesamt 31 Einsätze zu verzeichnen (Siehe Anhang 2). Bemerkenswert ist, dass davon 16 Leistungen für Objekte erbracht wurden, welche nicht der Störfallverordnung unterstehen, sei es dass die Betriebe nur geringe Mengen an chemischen Substanzen lagern oder verwenden und damit die massgebenden Mengenschwellen der Störfallverordnung nicht erreichen oder dass es sich um direkte Wohnbauten handelte.


Aufgrund der beobachteten Häufigkeit der Ereignisse werden sie jeweils dem Risiko KLEIN oder dem Risiko MITTEL zugeordnet.


Im grossen und ganzen konnten alle Einsätze durch die rasch eintreffende Chemiewehr und die Feuerwehren schnell und fachgerecht bewältigt werden, ohne dass für die Bevölkerung und die Umgebung das Risiko einer akuten Lebensgefährdung oder eines bleibenden Schaden bestanden hätte.


Trotzdem sollen drei Fälle etwas ausführlicher beschrieben werden:




Einsatz vom 01. März 1997 / ARA Rhein Pratteln


Die Alarmmeldung der Einsatzzentrale Polizei Baselland lautete:


„starker Lösungsmittelgeruch und ölige Verunreinigungen in der ARA Rhein. Geruch bei Kontrollgang festgestellt".


Aufgrund der Meldung wurden zusätzlich zum C-Pikett auch das Gewässerschutzpikett des Amts für Umweltschutz und Energie sowie die Feuerwehr Pratteln und die Oelwehr Birsfelden aufgeboten. Sofortige Abklärungen ergaben, dass die Verunreinigung aus den kommunalen Abwasserkanälen kommen musste. Um welche Substanz es sich handelte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Teilweise roch es auf der ARA Rhein so stark, dass nur mit Atemschutz gearbeitet werden konnte. Vorsorglich und als sofortige Massnahme orientierte man die Stellen, welche in der Nähe Brauchwasser förderten sowie die Trinkwasseraufbereitungsanlage Hard. Zusätzlich wurden Absaugwagen bestellt. Kontrollen ergaben, dass glücklicherweise bisher noch keine Lösungsmittel in den Rhein gelangen konnten. Es wurde beschlossen, folgende Aufgabenteilung vorzunehmen: die Feuerwehr Pratteln hatte abzuklären, auf welchem Abwasserkanal die Verunreinigung eingeleitet wird, die Oelwehr Birsfelden überwachte den Einlauf in den Rhein und bereitet sich vor, nötigenfalls eine Sperre zu errichten, die ARA Rhein musste das Industrieabwasser in einen Puffertank einleiten und kommunales Abwasser auf einem separaten Reinigungsstrang reinigen. Die Chemiewehr begann mit dem Lüften der biologischen Stufe und mit der Suche nach dem Verursacher. Nachdem feststand, dass das Lösungsmittel aus Richtung Augst/Kaiseraugst kommen musste und von der Bevölkerung auch Meldungen über starke Geruchsimmissionen kamen, wurde die Kanalisation systematisch abgesucht. Messungen in der Kanalisation zeigten starke Explosionsgefahr an! Das Gelände wurde vorsorglich abgesperrt und Fussgänger umgeleitet. Die gezielte Suche führte zu guter letzt ins Gewerbegebiet Rinau in Kaiseraugst (Kt. Aargau)! Dort schwamm auf dem Abwasser in der Kanalisation gut sichtbar eine braune ölige Flüssigkeit. Beim Verursacher floss diese Flüssigkeit unverdünnt in die Abwasserleitung. Ein Oelabscheider war vermutlich überfüllt worden. Die Kantonspolizei des Nachbarkantons sowie dessen Gewässerschutzpikett wurden alarmiert. Der vorhandene Absperrschieber wurde geschlossen und die Kanalisation durch die Feuerwehr Kaiseraugst gespült.


Fazit : Während rund fünf Stunden gelangten Lösungsmittel in die ARA Rhein. Während dieser Zeit bestand in Teilgebieten von Augst in der Nähe von Kanalisationsschächten die Gefahr, dass durch weggeworfene brennende Streichhölzer oder Zigaretten Explosionen hätten entstehen können. Die Auswirkungen hätten ähnlich sein können wie diejenigen von 1996 in Affoltern.




Einsatz vom 28. April 1997 / Areal Rohner AG Pratteln


Die Alarmmeldung der Einsatzzentrale Polizei Baselland lautete:


„Bruch einer Glasleitung; Auslaufen von 150 Liter Thionylchlorid"


Am späteren Nachmittag brach eine Glasleitung an einem Glasgefäss wobei 150 Liter Thionylchlorid in den Bedienungsraum austraten und auf dem Boden eine Lache bildeten. Die Substanz reagiert mit Wasser und bildet mit der Luftfeuchtigkeit spontan Salzsäure-Gas und das gasförmige Schwefeldioxid. Die Feuerwehr wurde sofort alarmiert. Sie erhielt den Auftrag, die ausgetretene Substanz mit Bindemittel aufzunehmen und den Boden zu reinigen. In der Umgebung wurde bald ein unangenehmer Geruch nach Schwefeldioxid festgestellt. Eine Messgruppe der Nachbarfirma Schenectady Pratteln AG wurde alarmiert. Sie erhielt den Auftrag, in der Umgebung des Betriebes, zuerst im Raum des Bahnhofs Pratteln und danach, weil die Windrichtung gewechselt hatte, auch in Richtung Südosten Messungen der Konzentration von Schwefeldioxid durchzuführen. Nur einer der gemessenen Werte lag knapp über der Nachweisgrenze und stellte, abgesehen von der Geruchsbelästigung, keine Gefährdung für die Bevölkerung dar.


Fazit : „Glück und Glas, wie leicht bricht das!" Zum Glück haben die Mitarbeiter reagiert und die weitere Ausbreitung der Flüssigkeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr verhindert. Die Menge der Substanz war glücklicherweise so gering, dass die Schadstoff-Konzentrationen rund um das Werksareal keine Gefährdung für die Bevölkerung darstellte.




Einsatz vom 20. November 1997 / Areal Novartis Schweizerhalle AG


Die Alarmmeldung der Einsatzzentrale Polizei Baselland lautete:


„Austritt von geringen Mengen von Methanthiol aus geplatzter Schweissnaht. Ostwind. Starke Geruchsimmissionen in Richtung Birsfelden und Basel-Stadt"


Eine Stunde vor dem Mittag platzte plötzlich bei einem Umpumpvorgang eine Schweissnaht der Pumpleitung. Schätzungsweise 1000 Liter einer Reinigungslösung wurden freigesetzt. Die Lösung enthielt noch geringe Mengen von Natriummethanthiolat. Diese Substanz ist bereits in geringen Mengen sehr geruchsintensiv. Als Gas besitzt sie einen sehr unangenehmen fauligen und stechenden Geruch. Bei einem Brand hätten sich giftige Dämpfe von Schwefeldioxid bilden können. Die Werksfeuerwehr, welche gleichzeitig die Chemiewehr BL ist, wurde durch die Mitarbeiter sofort aufgeboten. Bereits 10 Minuten nach Entdeckung der Leckage traten die ersten Geruchsbelästigungen in der Umgebung auf. Aufgrund der herrschenden Wetterlage trieb die Geruchswolke in Richtung Birsfelden und der Stadt Basel. Die für derartige Fälle vorgesehen Notfallorganisation der Firma (Novartis Emergency Management) nahm zusammen mit Vertretern der kantonalen Ereignisdienste unverzüglich ihre Arbeit auf. Die Sicherheitsdaten und die Toxizitätsdaten wurden bezüglich einer Gefährdung der Mitarbeiter und der Bevölkerung gesichtet. Auch erstellte man eine Prognose über die mögliche Ausbreitung der Geruchswolke: Geruchsbelästigungen in Windrichtung bis auf 10 km sind zu erwarten! Nach 30 Minuten trafen auch die ersten Meldungen über Geruchsimmissionen aus der Stadt Basel (Neubad) und Allschwil ein. Erst nach einer Stunde wurden die Vertreter der regionalen Medien orientiert.


Inzwischen bewältigte die Werksfeuerwehr bzw. die Chemiewehr BL das Ereignis erfolgreich: sie überdeckte die ausgetretene Flüssigkeit mit Schaum. Damit wurde die Möglichkeit eines Brandes und auch die Bildung weiterer geruchsbelästigenderen Dämpfe verhindert. Der ganze Einsatz dauerte rund dreieinhalb Stunden. Er wurde erst beendet, nachdem feststand, dass die Konzentration ausser der Geruchsbelästigung zu keinen weiteren Gefährdungen der Bevölkerung führen konnte.


Fazit : 1. Trotz gewissenhafter vorbeugender Instandhaltung einer Anlage kann nie ausgeschlossen werden, dass chemische Substanzen austreten. 2. Besteht in einer Firma ein gut funktionierendes Ereignismanagement, kann sie lokale Auswirkungen rasch und effizient bewältigen. 3. Bereits geringe Mengen einer geruchsintensiven Substanz reichen aus, um in der Region während eines ganzen Nachmittags die Telefone heiss laufen zu lassen, wenn die Bevölkerung nicht sofort durch die Medien informiert wird.



Fortsetzung


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